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Digitale Bildung?! Ich kann es nicht mehr hören.

Vor ein paar Tagen wurde ich von den Grünen Baden-Württemberg zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "Digitale Bildung - Herausforderungen an Schule und Unterricht im digitalen Wandel" in den Landtag nach Stuttgart eingeladen. Als Experte sollte ich mal was sagen, zu dieser "Digitalisierung" zu "Schule mit Tablets" und zu den Risiken bei der ganzen Angelegenheit. Dazu habe ich auch was gesagt, aber auch zu dem mehr als plattgelatschten Begriff der Digitalisierung und warum wir endlich aufhören müssen zu reden und endlich mal loslegen sollten. 

Warum saß keine Frau als "Expertin" auf dem Podium?

Das mal vorweg. Es kann doch nicht sein, dass sich keine Frau gefunden hat, um auf dem Podium etwas zu diesem Thema beizutragen. Die Kritik geht gar nicht so sehr an die Grünen, die besonderen Wert auf Gleichberechtigung legen, sondern an diesem Missstand, der irgendwann die Wahrnehmung verschiebt. Nämlich dann, wenn der Eindruck entsteht, es gäbe gar keine Frauen, die sich zu den Themen Digitalität und Bildung austauschen könnten. Das - so viel kann ich sagen - ist nämlich absoluter Quatsch.

Das Medium ist nicht so entscheidend, wie die Haltung

Ich sage es direkt: Ich bin kein Lehrer! "Nur" ein Sozialpädagoge und Verhaltenstherapeut, der mit Kindern und Jugendlichen zum Thema Digitale Medien (chancenorientierter und riskanter Gebrauch) in verschiedenen Settings analog und digital arbeitet. Ich beschreibe hier also mehr mein Erleben, als einen Scheinwerfer auf das Thema aus Lehrersicht zu geben. Das Wiederum ist - aus meiner Sicht - nicht unbedingt die schlechteste Ausgangssituation.

Für mich gilt der Grundsatz Pädagogik vor Technik. Punkt. Schon in meinem Medienprojekt für Kindergartenkinder DigiKids fragen wir uns bei dem Einsatz immer und ohne Kompromisse: Hat Digital in diesem konkreten Punkt einen Mehrwert? Über den Einsatz oder das Weglassen von digitalen Medien entscheiden wir je nach Antwort auf die oben gestellte essenzielle Frage. Aus meiner Sicht ist nicht alles, was möglich ist auch gleichzeitig sinnvoll. Die Frage nach Digitalität ist nie eine Einbahnstraße á la entweder oder, sondern wenn wir sie wirklich leben ein sowohl als auch. Beispiel: Dank der Vielzahl an wirklich guten Übersetzung-Apps brauchen wir im Prinzip keine Fremdsprachen mehr zu erlernen. Sacken lassen ... 3 ... 2 ... 1 ... Natürlich ist das aus sozialbildender und pädagogischer Sicht Quatsch. Auch wenn wir Kompetenzen digital outsourcen könnten, wird mir keiner widersprechen, dass es durchaus sinnhaft ist, das wir dennoch Sprachen lernen. Aus verschiedenen kulturellen und ökonomischen Gründen.

Digitale Medien sind nicht automatisch ein Unterrichtsverbesserer

Wieder komme ich zu dem Einsatz mit Mehrwert. Hat er den? Prima. Hat er den nicht? Dann brauchen wir auch keinen digitalen Impuls. Zudem orientieren sich die Einsatzmöglichkeiten von digitalen Medien im Unterricht nach Wirkungsfrage:

  1. Soll der Einsatz Wirkung auf das Unterrichtsfach haben?
  2. Soll eine Wirkung auf die digitalen Kompetenzen der Unterrichtsteilnehmer bezweckt werden?

Diese beiden Wirkungsfragen sind alles andere als trivial. Erst Recht, weil der digitale Input - je nach Fragestellung - ein völlig anderer ist. Mein Erleben ist jedoch, dass ...

 

  •  ... diese Fragen im Vorfeld nicht gestellt werden!
  • ... diese Fragen nicht trennscharf gestellt werden!
  • ... ich mir als Inputgeber selber nicht klar bin, wo die Unterschiede bei diesem beiden Fragen liegen! 

Welche Rollen können die Lehrer:innen spielen?

Wenn wir über digitale Bildungsinhalte sprechen, kommen wir um eine pädagogische Expertise nicht herum. Das ist auch gut so. Die Frage, die dabei aufkommt: Wie können die Lehrer:innen dabei mitspielen? Klar, die brauchen wir dazu ganz dringend. Ist es realistisch und auch seriös gedacht, wenn wir davon ausgehen, dass es sich in jeder Lehrerschaft der ein oder die andere Lehrkraft schon finden wird (meist mit privaten Affinitäten zu digitalen Themen), die sich dem Klassensatz Tablets annimmt? Wann soll das denn bitte noch erfolgen? In der Mittagspause? Auf dem Weg in die Klasse? In den Freistunden? Sind die Lehrer:innen überhaupt digitale Kompetenzen zu vermitteln oder ist das eigentlich eine Erziehungsaufgabe? Wie gehen wir mit BYOD* (*Bring your own device = jeder:r bringt sein Smartphone oder Tablet mit und die Schule stellt die Software)? Fragen über Fragen. Eine richtige Antwort habe ich auch nicht parat. Die wird es auch seriös nicht geben. Was wir brauchen sind offene Denklabore, wo Institutionen, Lehrpersonal, Schüler aber auch Drittanbieter an einen Tisch kommen. Das System Schule ist für solche Ansätze aktuell noch nicht transparent genug.

"Digitale Medien im Unterricht stellen dann einen Gewinn dar, wenn wir es schaffen Menschen und ihre Ideen miteinander zu verbinden."

 

Ausgangsfragen für Lehrer:innen können bei Fragen der Digitalität lauten:

  • Wozu tue ich XY?
  • Fernab von Anwederkenntnissen, welche Haltung habe ich inne?
  • Welchen Einfluss habe ich auf Lernende?

Bei der Beantwortung dieser wichtigen Ausgangsfragen geht es vor allem um Themenbereiche wie kollektive Intelligenz aufbauen und partizipativ nutzbar machen. Sowie um die Entwicklung einer gemeinsamen Bildungsvision mit einem evidenzbasierten Austausch.

Technik ist nicht gut oder schlecht. Technik ist zunächst einmal ein Werkzeug.

Leute, alle mal Ruhepuls bewahren! Wir tun so, als ob von heute auf morgen alles anders werden muss. Dem ist nicht so. Erstens sind wir eh schon zu spät dran. Zweitens haben wir eh erst zwei Jahre* nach einer Implementierung von digitalen Inputs eine Erkenntnis darüber, wie nachhaltig erfolgreich der Einsatz war (* Studie Open University). Wir sollten aufhören, hektisch alles auf einmal machen zu wollen. Dabei verrennen wir uns - nach meinem Gefühl - nämlich gerade. Dann nämlich, wenn wir der Technik Attribute zusprechen, die beim Anwender liegen. Es gibt keine gute oder schlechte Technik, sondern nur gute oder schlechte Anwender. 

 

Medienkompetent bedeutet mehr, als Wischen können. Vielmehr benötigen wir neben einer Medienresilienz eine Medienbildung, die folgende Aspekte abgedeckt:

  • Medienkunde
  • Mediengestaltung
  • Mediennutzung
  • Medienkritik

Was heißt das jetzt alles für die digitale Bildung?

Digitale Ethik / Respekt vor Daten von Tag 1 an!

Mit drei W-Fragen kommen wir einen direkten Filter, der uns hilft zu entscheiden, ob die Plattform, die Anwendung, das System, ... unter den obigen Aspekten sinnvoll ist: WIE wird WOZU WO abgelegt? Das Ganze ist für mich mehr als eine Frage nach der berühmten DSGVO. Es ist eine Haltungsfrage.

 

Digitales Lernen braucht einen Rahmen!

Wir dürfen individuelles Lernen nicht mit unkonventionellen Lernen verwechseln. Zwischen beiden Lernformen liegt ein großer Unterschied für alle Teilnehmer des Wissenstransfers. Ganz praktisch braucht es zunächst kleine, begehbare und überschaubare Inputs, die wirklich gelebt werden. Damit vor allem die Lehrkräfte einmal spüren, wie sich digitale Bildung überhaupt anfühlt. Dazu gehört auch, dass wir uns als Pädagogen final die Labelfrage stellen müssen. Oder anders gesagt, was uns privat ge- oder missfällt, darf keinen Einfluss auf unsere Rolle (Label) als Pädagoge haben.

 

Technik ist lediglich eine Möglichkeit individuelle Förderung zu stärken!

Digital steigert die Netto-Gesprächszeiten in Bildungsinstitutionen. Wir erhalten mehr menschliche Face-to-Face-Zeiten, wenn wir digitale umverlagern.

 

Und sonst noch ...?

Hier noch  - ganz subjektive - Anmerkungen zu dem Thema. Die Suche nach Chancen und Grenzen der digitalen Bildung hält uns nur auf, da sie sich gar nicht mehr stellt. Wir brauchen neue Themen. Die wirklichen.

 

Viele rufen nach der Schul-Cloud. Ich bin grundsätzlich auch ein Befürworter von Cloud-Lösungen. Aber: Wir sollten nicht in eine digitale Kolonisierung durch die USA oder China verfallen, weil wir - evtl. unreflektiert - die Angebote der großen, glitzernden Player in dem Geschäft annehmen (müssen). Wir sollten uns vielmehr um eine deutschen / europäischen Lösung mit unseren Anforderungen an Anwenderschutz, Datenrespekt und pädagogischer Leitlinie bemühen. Gute Ansätze gibt es bereits.

"Handeln ist wir reden - nur krasser!"

Schluss mit den Debatten in Endlosschleife. Legen wir los. Packen wir es an. Das es geht zeigen Best-Practice-Schulen, wie z.B. die Alemannenschule in Wutoeschingen. Das Ganze wird gelebt von Lehrer:innen, wie z.B. Valentin Helling

Benjamin Wockenfuß

Social Media Manager | Suchttherapeut

  

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