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Kinder brauchen Digitale Balance - ihre Eltern aber auch

In vielen Diskussionen rund um das Thema Kinder und digitale Medienfragen wir uns, „ ... ob das denn schon (so früh) sein muss mit dem Medienkonsum ... ?“ Damit einher geht der subjektive Impuls, unsere Kinder vor digitalen Medien schützen zu müssen. Das mag in Teilen durchaus zutreffend sein. Grundsätzlich stellt sich die Frage nach dem ‚ob‘“ nicht mehr wirklich. Unsere Kinder sind bereits mit digitalen Medien in Kontakt. Jetzt. In diesem Moment. 

Der Leitgedanke muss, vielmehr lauten: Wie schaffen wir es, eine Balance zwischen der digitalen und der analogen Welt zu finden?

 

In der soziokulturellen Entwicklung unserer Gegenwartsgesellschaft hat ein Perspektivwechsel stattgefunden. Wir bewegen uns vom body turn, hin zu turn to things.  Die sog. ,Dingkultur`, die Angewiesenheit des Menschen auf Dinge im Kontext neuer Raummöglichkeiten, gewinnt für uns mehr und mehr an Bedeutung. Das müssen wir zunächst nicht gutheißen, wir brauchen diese Erkenntnis jedoch, um die Medienwelt unsere Kinder ein wenig besser verstehen zu können. 

Für eine Digitale Balance sollten erst einmal wir Erwachsene selbstreflektiert auf unseren Medienkonsum schauen, oder anders gesagt: 

Die Kinder sind es nicht, die abends am Essentisch die Mails aus dem Büro checken.

Die Digitalisierung ist kein Trend. Kein Hype, der bestimmt ganz bald vorbeigeht. Was nicht bedeuten soll, dass wir die Digitalisierung um jeden Preis brauchen. 

"65 Prozent unserer Kinder werden 2035 in Berufen arbeiten, die es heute in dieser Form noch gar nicht gibt." (Marcus K. Reif, in: eco - Verband der Internetwirtschaft e.V.)

Wo stehen wir denn nun? Genau dazwischen. Weg von einer entweder / oder Debatte hin zu einer akzeptierenden und reflektierten digitalen Kultur.

 

Anhand von fünf Thesen versuche ich das näher zu beleuchten:

1. Wollen wir medienkompetente Kinder, brauchen wir medienkompetente Erwachsene.

Machen wir uns nichts vor. Nahezu jedes Kind ist digitalen Einflüssen ausgesetzt. Ungewollt  - manchmal auch gewollt - bei Bus-, Bahn, Zugfahrten; bei Spielplatzbesuchen; im Wartezimmer ... kurzum, bei fast jeder Bewegung im öffentlichen Raum. 

Das hat Auswirkungen auf unsere Kinder. Kinder orientieren sich in ihrer Entwicklung an das Modelllernen. Sie wählen sich Vorbilder aus, deren Verhalten sie nachahmen. Wünschen wir uns also Kinder, die die Fähigkeiten besitzen Medien adäquat für sich nutzbar zu machen, dann müssen wir im ersten Schritt damit bei uns anfangen. Wir leben unseren Kindern ein Medienverhalten vor. Wir erheben – je nach Umgang damit – Smartphone und Tablet zu besonders wichtigen Teilen von uns. Oder eben auch nicht. 

Wir dürfen uns nicht wundern, wenn sich unsere Kinder von digitalen Anwendung in den Bann ziehen lassen, wenn selbst jede Vibrationsmitteilung dieser Geräte uns aus unserer Handlung herauszuziehen vermag. Nach einer Studie der Universität Bonn (s. Projekt Mental Balance) schauen Erwachsene im Durchschnitt 88 Mal am Tag auf ihr Smartphone. 88 Gelegenheiten, um ein Vorbild zu sein.

2. Das Tablet ist keine Zauberkiste.

Aus meiner Sicht wird das Tablet (als mediales Zugangstor) im Kontext Kinder und Familie maßlos unterschätzt. ‚Hin und wieder eine Folge der Lieblingskinderserie schauen, ist schon ok.‘, höre ich nur all zu oft. Nein, ist es nicht und ja, ist es. 

Wir sollten versuchen, differenzierter auf diese Haltung zu schauen. Nein, das Tablet ist kein tragbarer Fernseher. Jedenfalls nicht nur. Wenn wir es dazu (ver)kommen lassen, provozieren wir, dass unsere Kinder digitale Konsumenten werden. Sie begeben sich dann in die Einbahnstraße des Mediengebrauchs. Digitale Anwendungen für Kinder haben heute die Chance, auch ein Interagieren ermöglichen, statt eines eindimensionalen Konsumierens. Ja, ein Tablet kann noch viel mehr. Es gibt wunderbare digitale Anwendungen, bei denen Kinder 

 

Digitalität mit Mehrwert 

erfahren. 

Im Projekt DigiKids haben wir beispielsweise einen Workshop mit dem Titel Natur Digital. Dazu gehen wir im ersten Schritt mit Tablets in den Garten oder Wald (je nachdem was verfügbar ist), und fotografieren Bäume, Sträucher, Blumen etc. ab. Im nächsten Schritt erarbeiten wir alle zusammen – immer noch am Tablet – eine Collage, die wir mit Hilfe eines Beamers im Großformat an die Wand bringen. Danach gibt es drei Stationen Die Kinder können frei wählen, ob sie a) die Waldprojektion mit Filzstiften bemalen, b) auf dem Tablet per Smartpen individualisieren, oder c) mit die Wand mit Stickern bekleben möchten. SIE gestalten ihren Wald. Ohne IHRE Kreativität wäre die Collage gar nicht da. Das ist nur ein Beispiel für den kreativen, mehrwertschätzenden Einsatz von Tablets in Kinderhänden.

3. Medienzeit ist Familienzeit.

Kinder dürfen digitale Medien erleben. Diese Medienzeit sollte jedoch nie unbegleitet sein. Auch hier sind wir Erwachsenen im ersten Schritt gefragt. Haben unsere Kinder immer dann Medienzeit, wenn ich telefoniere, koche, wasche, Auto fahre oder im Restaurant bin, dann dürfen wir uns nicht beklagen, wenn sich für Kinder digitale Medien als etwas Untrennbares von den oben beschrieben Situationen etablieren. Provokant ausgedrückt: 

 

Medien sind nicht zum Sedieren da, sondern zum 

(gemeinsam) Erleben und kreativen Weiterdenken. 

 

Der zentrale Ort des medialen Aufwachsens für Kinder ist die Familie, bemerkte Kai-Uwe Hugger (Professor für Medienpädagogik und -didaktik an der Universität Köln) in diesem Zusammenhang treffend. Das Tablet kann genauso selbstverständlich als Unterhaltungsangebot, wie die Bilderbücherkiste für Kinder verfügbar sein. Gemeinsam können so digitale Welten erfahren werden, ohne dass sie in Konkurrenz zu anderen medialen Einflüssen stehen. Lassen wir dieses Bild einen Moment wirken, dann sind Digitale Medien nichts Mystisches mehr, was nur zu besonderen Gelegenheiten dem Kind zugänglich gemacht wird. Sie werden zu gleichberechtigten medialen Partnern bei den Lern- und Unterhaltungsgepflogenheiten. Deswegen spreche ich mich klar für die Installation eines Familien-Tablets aus. 

 

Nicht jedes Kind braucht ein eigenes digital device. Erst recht nicht im Kindergartenalter. Auch Schulkinder brauchen bis zu einem bestimmten Alter kein Smartphone mit Internetzugang um ,erreichbar‘ zu sein. Dafür reicht ein Mobiltelefon völlig aus. Zu Hause können digitale Inputs über das Familien-Tablet erlebt werden. Das bedeutet dann aber auch, dass wir Erwachsenen uns auch in das neugedachte Familiengefüge integrieren. Theaterkarten, Ausflugsrecherche, usw. ... können dann gemeinsam / nacheinander an einem Gerät erfolgen. Wir sollten nicht den Fehler machen und unsere Kinder alleine mit den digitalen Medien lassen. Das stellt sie u.U. vor eine zu große Herausforderung. Blicken wir selbstreflektiert auf uns, dann kennen wir dieses Gefühl der medialen Überforderung nur zu gut. 

4. Digital ist cool, analog erst recht.

Es gibt für mich gute Gründe, Kindern altersentsprechend, zeitlich ausgewogen und begleitet, Kontakt mit digitalen Medien zu ermöglichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir das um jeden Preis tun sollten. 

 

Kinder brauchen das haptische Erleben

 

Mehr als alles andere. Sie müssen mit ihrer Umwelt in Kontakt treten. Sie berühren. Sie spüren. Und das wollen sie auch. Nicht alles muss durchdigitalisiert werden. Digital ist aus meiner Sicht genau dann Unsinn, wenn es Ersatz für soziale Beziehungen, für Verantwortung, (Be-)greifen und für das (Er-)lernen in der realen Welt herhalten soll. 

 

Bei all den strahlenden und verlockend bequemen digitalen Möglichkeiten sollten wir uns im Umgang mit Kindern vor allem auf eines besinnen: Das gemeinsame Vorlesen. Ganz klassisch mit einem Buch. Aus Seiten und wahlweise Klappen. Zum Umblättern und gemeinsam Entschleunigen und innige Qualitätszeit erleben. In unserem DigiKids-Kinderworkshops hat noch kein Kind jemals gesagt, dass es lieber am Tablet spielen möchte, als von Papa oder Mama vorgelesen  zu bekommen. Keines. Das ist ein großes Statement, wie ich finde, in der immer mehr durchdigitalisierten Gesellschaft.

5. Wir brauchen starke Kinder, keine digitalen Analphabeten.

Digitale Medien gehören zu der Lebensrealität unsere Kinder dazu. Für uns Erwachsene leitet sich der Schluss daraus ab, dass wir für unsere Kinder digitale (Frei)Räumeschaffen sollten. Bert te Wildt - er leitete die Onlinesucht-Ambulanz OASIS in Bochum - prägte diesen Begriff, den ich in diesem Zusammenhang als sehr wertvoll erachte. 

 

Es braucht digitale Gestaltungräume, aber auch Räume der digitalen Abstinenz.

 

Beide Seiten haben ihre Berechtigung. Beide Seiten braucht es für eine digitale Balance. Wie lange sollte mein Kind in einem solchen digitalen Raum verweilen? Die berühmte Frage nach dem wie lange?, oder dem oftmals dahinterstehenden wie viel ist zu viel?, lässt sich – nach meinem Gefühl – nicht quantitativ im Sinne von Minuten-Einheiten, sondern vielmehr qualitativ beantworten. 

 

Online sein, ist nicht gleich Online sein. Das gilt auch für Kinder.

 

Zudem variiert die zeitliche Aufnahme- und Verarbeitungskapazität stark von dem digitalen Inhalt, den das Kind erfährt. Gerade bei jüngeren Kindern machen zeitlich greifbare Limits Sinn. Du darfst so lange spielen, bis der große Zeiger ..., oder ... wenn ich hier aufgeräumt habe, beenden wir die App ..., oder ... du darfst die Äpfel noch einmal in den Korb legen (im Spiel) und wenn du damit fertig bist, beenden wir die App. 

 

Das sind einfache Beispiele für ein mögliches qualitatives Zeitmanagement, dass unsere Kinder leichter verstehen und in dem sie sich selbstbestimmter bewegen können. Das hilft ungemein. Ich glaube daran, dass wir unseren Kindern gar nicht so sehr Medienkompetenz, sondern vielmehr Mediensresilienz, also die Fähigkeit sich von digitalen Medien abzugrenzen, ohne diese grundsätzlich zu negativieren, vermitteln sollten.

 

Was am Ende bleibt, ist für mich, dass Kinder und digitale Medien mit einander in Kontakt treten sollten, aber eben zeitlich bemessen, altersadäquat, partizipativ und Mehrwert stiftend. Kommunikative Familiäre Prozesse sollten nicht digital outgescourcet werden. 

 

Im Kontakt zwischen Eltern und Kind passt kein Screen. 

(Dieser Artikel entstand für eine Fachzeitschrift der Jugendhilfe des LWL Münsters.)

Benjamin Wockenfuß

Social Media Manager | Suchttherapeut

  

c/o Coworking Bonn

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(+49) 1573 359 1234

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