Review: Workshop für Kinder "Wieviel DU gehört ins Netz?"

Hier ein Review zu meinem Workshop an der VHS Bonn.

Was können Soziale Netzwerke leisten und was machen Sie mit unsere Kommunikation?

Wie viel Persönliches möchte ich in diesen Netzwerken von mir preisgeben?

Wie kann an dieser Stelle meine digitale Haltung aussehen?

Das waren die Impulse, zu denen ich mit den 10-14jährigen Teilnehmern in einen lebendigen Austausch kam.



Am Safer Internet Day 2017 startete die Workshop-Reihe Digitale Kultur an der VHS Bonn. Das für mich besonders Interessante an der Veranstaltung war die Tatsache, dass die Zielgruppe eine ganz besondere ist: Kinder ab 10 Jahren.

 

Mein Themenschwerpunkt war Apps und Social Media sinnvoll nutzen. Wie viel DU gehört ins Netz? Eine spannende Frage, weil ich immer wieder erlebe, wie gerade für junge Menschen das Social Web eine besonders identitätsstiftende Funktion einnimmt.

 

Auch wenn ich im wissenschaftlichen Kontext oft und gerne Vorträge und Vorlesungen halte, ist für mich ein Plenum von 10-14jährigen eine besondere Herausforderung. Warum?

Zum einen ist es mir wichtig, dass die Leute "satt" nach Hause gehen. Mein Anspruch ist es, zu irritieren, den Kopf zu öffnen und Lust darauf zu machen, seine bisherige Haltung zu reflektieren.

Zum anderen, möchte ich verständlich und unmittelbar mit dem Menschen, die mir zuhören interagieren. Ich möchte, so ist auch meine therapeutischen Haltung, dass ein gemeinsamer Fluß zwischen meinem Gegenüber und mir entsteht. Ich möchte, dass wir miteinander in Kontakt kommen.

Für diesen Workshop hieß das: Kindgerechte über Themen wie digitale Identität, Wertewandel 2.0, gesellschaftliche Veränderung aufgrund von digitalisierter Kommunikation usw. zu sprechen.

 

Dabei - da mache ich mir auch gar nichts vor - sitzen die Experten eigentlich auf der anderen Seite. Ich arbeite u.a. deswegen so gerne mit Kindern, weil ich dann Themen durch ihre Blickwinkel betrachten darf.


"Es wächste eine wunderbare digitale Generation heran. Wir müssen den Kindern nur zuhören."


Worauf wollte ich in diesem Workshop also hinaus?

 

Social Media soll als öffentlicher Raum begriffen werden. Ich bediene mich dabei gerne der Marktplatz-Metapher. D.h.: "Wenn Du wissen willst, ob ein Post OK ist? Dann stell dir vor, Du rufst das, was du posten möchtest, laut über einen Marktplatz."

 

Hier wurde bei den Kindern schnell deutlich, dass sie Kommentare auf Sozialen Netzwerken, als etwas Abstraktes ansehen. Diese vermeintliche Distanz verleitet uns dazu, Äußerungen zu machen, die wir so sonst nicht tätigen würden. In diesem Punkt sind die Kinder, wenn wir Erwachsene uns einmal kritisch betrachten, in bester Gesellschaft.

 

Sensibilisieren war also ein wichtiger Eckpfeiler für diesen Workshop. Ziemlich schnell hatte ich dabei für mich den ersten Lern-Effekt. Nämlich an dem Punkt, als ich mein #kinderdigital-Projekt DigiKids auf Facebook vorstellen wollte - jedoch kein einziger Teilnehmer überhaupt bei Facebook angemeldet ist. Ein Teilnehmerin versuchte mich dabei noch mit einem mitleidigen "Also, mein Vater hätte da schon einen Account." aufzubauen.

 

Das war ja genau das, was ich suchte. Gelebter Wissenstransfer. Ich erfuhr von den insgesamt acht Teilnehmern (drei Mädchen und fünf Jungs) folgendes:

  • Jede(r) hat ein Smartphone und das seit mindestenst sechs Monaten
  • Die Eltern waren durchweg aufgeschlossen, was die Anschaffung anging
  • Bei allen Teilnehmern ist WhatsApp das am meisten genutzte Netzwerk
  • Danach kommt YouTube und Instagram
  • Facebook und Snapchat nutzte niemand

"WhatsApp ist für viele Kinder zu einer Parallel-Gesellschaft geworden. Anerkennung, Feedback und Austausch erfolgt hier - oder auch nicht."


Die teilnehmenden Kinder berichteten mir, dass sie in 2-5 WhatsApp-Gruppen innerhalb der Klasse unterwegs sind. Das Ganze sortiert sich dann nach Themen. So z.B.:

  1. Hausaufgaben
  2. Nur für Mädchen / Jungs
  3. Freizeit
  4. Wochenende
  5. Privatangelegenheiten der gesamten Klasse

 

Das bedeutet einen enorme digitale Präsenz, die notwendig ist, um den Gruppenabläufen zu folgen und sich in diesen Prozess einzubringen. Im Schnitt erhalten die Teilnehmer 200 WhatsApp-Nachrichten / Tag. Die erste meist gegen 5-6 Uhr und die letzte gegen 2 Uhr.

 

Aktiver Response ist mir dabei enorm wichtig. Antwortest Du nicht, bist du im Gruppenprozess nicht mehr involviert und läufst Gefahr "rausgemobbt" (Zitat) zu werden.

 

Ich hatte bei dem zweistündigen Workshop das Gefühl, dass die Kinder sich freuen gehört und gefragt zu werden, was sie so bewegt. So berichtete ein Geschwisterpaar von ihren Eltern, die sie per GPS tracken.


"Bevor wir von unseren Kindern eine digitale Haltung einfordern - brauchen wir Erwachsenen erstmal selber eine!"


Ich persönlich habe eine bestimmte Haltung zum Thema GPS-Tracking von Kindern, die soll hier aber gar keinen Einfluss nehmen. Ich erlebe jedoch oft - gerade bei den digitalen Elternstammtischen (dem Workshop-Pendant für die Großen) - dass die Erwachsenen Sorge haben, dass unsere Kindern, in der digitalen Welt versinken. Die Sorge kann ich durchaus nachvollziehen, gebe jedoch die Frage zurück: "Wie sieht es denn mit unserem Smartphone-Gebrauch aus? Halten wir die Prämissen, die wir uns bei unseren Kindern wünschen, auch selber ein?"

 

Die Antwort darauf kann sich jeder selber geben. Ich für meinen Teil, empfinde es als Dissonanz, wenn Eltern sich digitale Abstinenz von ihren Kindern wünschen und sie im gleichen Atemzug per GPS getrackt werden...oder Erwachsene am Abendessentisch nocht wichtige Mails checken...oder sie auf dem Spielplatz nocht ganz kurz telefonieren müssen.


"Der beste Erziehungsstil ist für mich das aktive und authentische Vorleben."


Ich habe die Kinder während des gesamten Workshops als sehr aufgeschlossen und interessiert erlebt. Mir war es wichtig, dass sich die jungen User souverän in der digitalen Welt bewegen - mit all ihren Chancen und Herausforderungen.

 

Was brauchts aus meiner Sicht dafür? Die Kompetenzen sich weitgehend autonom bewegen zu können. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen im Workshop auch über Cyber-Mobbing und Cyber-Grooming zu sprechen.

 

Cyber-Mobbing

An dieser Stelle hatte jeder etwas beizutragen. Besonders fiel auf, wie inflationär der Begriff Mobbing überhaupt im Sprachgebrauch dieser jungen Menschen präsent ist. Ganz selbstverständlich wendeten sie ihn auf Situationen ihres Lebensalltags an.

Dann kam es zu einem vertrauensvollen Moment der Offentheit, als eine Teilnehmerin berichtete, dass sie vor dem Sportunterricht in der Umkleidekabine von anderen Mädchen getreten und dabei via Smartphone gefilmt wurde. Dieser Film fand daraufhin schnell den Weg in die Klassen-WhatsApp-Gruppe.

 

Oder der Beitrag eines Jungen, der berichtete, dass er ein Foto von einer Mülltonne, mit dem Untertitel "XY wohnt hier" gepostet hat. Gemeint war ein Klassenkamerad aus sozialschwachen Verhältnissen.

 

Das Erlebbarmachen von Emotionen, ohne sich dabei Täter- oder Opferrollen zu bedienen, haben rasch geholfen, dass die Kinder empathischer auf die oben beschriebenen Berichte reagierten. Dadurch vermochten sie sich differenzierter mit der Thematik auseinandersetzten. Einer sagte "So habe ich das noch gar nicht gesehen. Wenn ich mir das jetzt nochmal überlege, war das ganz schön Mist von mir."

Oder "Ich hätte mir gewünscht, dass meine Freundinnen mir helfen. Ich weiß jetzt, sowas darf keiner mit mir machen.".

 

Cyber-Grooming

Auch hier wurde ich überrascht, jede Teilnehmerin hat Anfragen von Fremden erhalten, sich zu treffen oder Handynummern zu tauschen. Dabei stellte sich heraus, dass es sich nicht - wie zuvor vorgegeben - um Gleichaltrige handelte. Das war den Mädchen dann so suspekt, dass sie den Kontakt nicht weiter verfolgten.

 

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist, sich stets bewusst zu machen wo und mit wem ich mich im Netz kontakte. Die komplette und mobile Vernetzung ist nunmal auch ein Einfallstor, für Menschen mit schlechten Absichten.

 

Dafür kann aber das Internet nichts? Es sind vielmehr die Teilnehmer, die das Internet, als Plattform des freien Meinungs- und Wissensaustauschs, verfälschen. Auch ist es kein Alleinstellungsmerkmal der Sozialen Netzwerke, dass diese Gefahrenquellen jetzt erst existieren. Seit jeher gibt es Erwachsene, die versuchen, sich an unsere Kinder ranzumachen. Hier braucht es Aufklärung und die unbedingte Bereitschaft, unsere Kinder zu verantwortungsvollen und selbstbewussten Menschen zu machen.

 

What´s up next?

Mein Workshop war ja nur Startschuss der Reihe Digitale Kultur - sei SMART mit deinem PHONE! Weiter gehts am 21. Februar mit Neue Kunst mit Neuen Medien. In weiteren Workshops werden die Kinder etwas übers Bloggen, über das Programmieren und Funktionsweisen von Hardware lernen.

 

Alle Kurse findest Du hier in der Übersicht.

 

Am Ende der Veranstaltungsreihe sehen wir uns nochmal wieder, und zwar am 26. April zum Eltern-Update, der Come-together-Veranstaltung für Eltern und Kinder.

 

Darauf freue ich mich besonders. Bis spätestens dahin...